Österreichs Bundesheer

Pioniere im Katastropheneinsatz

Was sie können und was sie brauchen

Der Assistenzeinsatz bei Elementarereignissen und Katastrophen ist als eine der Hauptaufgaben des Österreichischen Bundesheeres im Wehrgesetz verankert und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die dramatischen Ereignisse des August 2002 in den Hochwassergebieten der nördlichen Bundesländer haben das Bewusstsein in der Bevölkerung gestärkt. Katastrophenschutz und notwendige Vorsorgemaßnahmen sind wichtige Dienstleistungen des Heeres.

Hochwasserkatastrophen und Muren nach schweren Regenfällen können ganze Regionen wirtschaftlich und sozial existenziell bedrohen. Die bisher getroffenen technischen Maßnahmen gegen das Hochwasser reichen in Extremfällen nicht mehr aus. Dämme schützen bei normalem Hochwasser, sind aber gleichzeitig eine Gefahrenquelle, da sich die Wassermassen kanalisieren statt sich großflächig im unbebauten Angelände zu verteilen.

Nicht zuletzt die Katastrophe im August 2002 hat ein umfangreiches Umdenken beim Umgang mit Krisen bei allen Behörden und Hilfsorganisationen bewirkt. Die Soldaten des Österreichischen Bundesheeres, insbesondere die Pioniere, sind seit Jahren in das Katastrophen-Krisenmanagement fachlich eingebunden.

Pioniereinsatz

Einen wesentlichen Anteil beim Einsatz nach Katastrophen tragen daher ohne Zweifel die Pioniere. Vorrangig betreffen solche Einsätze die Pioniertruppe, also die drei Pionierbataillone des Heeres.

Die Bewältigung von Aufgaben in einem Katastropheneinsatz stellt für Pioniere immer wieder eine große Herausforderung dar, an der nicht zuletzt die Leistungsfähigkeit des eingesetzten Verbandes gemessen wird. Wichtig ist dabei das effiziente Zusammenwirken der Soldaten mit zivilen Behörden - den eigentlichen assistenzanfordernden Stellen - und den anderen Einsatzorganisationen.

Villacher Pioniere

Das Pionierbataillon 1 wurde mehrfach zum Assistenzeinsatz (AssE)/Katastropheneinsatz (KatE) herangezogen. Geschlossen als Bataillon waren die Villacher Pioniere im August 2002 im Wald- und Weinviertel vorwiegend zur Wiederherstellung der Verkehrsinfrastruktur eingesetzt. So wurden in dem knapp zwei Wochen dauernden Einsatz insgesamt acht Brücken und drei Stege errichtet. Unter anderem war dabei auch neues Brückengerät einzubauen. (Nachzulesen im TRUPPENDIENST, Heft 1/2003, S. 23 ff.).

Neben der Assistenzleistung wegen des Jahrhunderthochwassers standen Pioniere des Bataillons vorwiegend in Kärnten zur Wiederherstellung von Straßen, zur Waldbrandbekämpfung und für technisch herausfordernde Aufgaben, wie der Abstützung einer Stützmauer am Kraftwerk Annabrücke nach einer bedrohlichen Auskolkung (Vertiefung in der Sohle eines Flusses, an Meeresküsten, im Untergrund von Gletschern, an Klammen und Wasserfällen) im Einsatz.

Verfügbarkeit von Kräften

Eine detaillierte Beurteilung der erfolgten AssE/KatE der Pioniere zeigt, dass witterungsbedingte Elementarereignisse jederzeit auftreten können und lokal praktisch nicht vorhersehbar sind. Mit Ausnahme des Katastropheneinsatzes in Niederösterreich 2002 waren die Einsätze durchwegs mit Pionierkräften in Kompanie- bzw. Zugsstärke abdeckbar.

Der ständigen Verfügbarkeit von Pionierkräften, insbesondere von technischem Personal, kommt daher insgesamt eine hohe Bedeutung zu. Die Systematik der gestaffelten Einberufungstermine bei den Pionierbataillonen hat sich dabei als sehr zielführend erwiesen, weil damit ständig präsente Pionierkräfte einsetzbar sind. Neben einer Pionierkompanie sind während des gesamten Jahres technische Organisationselemente - erforderliche Pioniermaschinen und Transportteile sowie die neue, moderne "Pionierbrücke 2000" - verfügbar.

Die erforderliche Versorgung (insbesondere Instandsetzung und Materialerhaltung) und Führungsunterstützung können ebenfalls sichergestellt werden. Die vorrangige Assistenzaufgabe eines Pionierbataillons sollte daher im Katastropheneinsatz liegen. Die Abstellung von Kräften für AssE/KatE ist durch die Pionierbataillone derzeit ständig möglich. Die Heranziehung von Pionieren zur Grenzraumüberwachung an der Staatsgrenze (Assistenzeinsatz/GRÜ) beeinträchtigt deutlich die Verfügbarkeit für Katastropheneinsätze. Zu den eigentlichen Abstellungszeiträumen sind noch ungefähr zwei Wochen an gemeinsamer vorbereitender Ausbildung, Nachbereitung und Dienstfreistellung hinzu zu rechnen.

Jeder Assistenzeinsatz zur Grenzüberwachung bewirkt aufgrund seiner Dauer zudem einen massiven Ausbildungsverlust. Es ist daher von Bedeutung, durch entsprechende gestaffelte Einteilung und - wenn möglich - Entlastung durch andere Truppenkörper die Verfügbarkeit der Pioniere für Katastropheneinsätze zu erhöhen.

Materielle Erfordernisse

Die materiellen Bedürfnisse des Heeres werden ohne Zweifel einer laufenden Beurteilung unterzogen. Diese erfolgt jedoch vor allem hinsichtlich der militärischen Notwendigkeit, und nicht so sehr in Bezug auf zivile Erfordernisse, wie sie bei Katastropheneinsätzen augenscheinlich werden. Seitens der Landesregierungen gibt es diesbezüglich wesentliche Anstrengungen. Vor allem das Pionierbataillon in Kärnten profitiert von dem seit Jahren bestehenden guten Einvernehmen mit den Behörden des Landes Kärnten, welche dem Bataillon Gerät zur Verfügung stellen.

Die Katastropheneinsätze der letzten Jahre haben Lücken in der militärischen Ausstattung aufgezeigt, die im Sinne einer Erhöhung der Einsatzbereitschaft geschlossen werden müssen. Teile dieses materiellen Ergänzungsbedarfs wurden bereits gedeckt. Die zusätzlichen Forderungen wurden zwar aus den Erfahrungen des Katastropheneinsatzes abgeleitet, das meiste Gerät ist aber auch eine wertvolle Ergänzung zur Hebung der militärischen Einsatzfähigkeit.

Kraftfahrzeuge

Größter Handlungsbedarf besteht bei der Sanierung der LKW-Flotte, besonders der Kran-Fahrzeuge. Die Beschaffung eines leistungsfähigen Mobilkrans wäre zu überlegen. Kranarbeiten können derzeit zwar durch Anmietungen abgedeckt werden, der Zugriff auf einsatzspezifische Kräne ist bei größeren Katastrophen jedoch schwer möglich, da diese oft durch den Bedarf anderer Hilfskräfte vergriffen sind.

Muldenkipper

Der Bedarf an einem 3- oder 4-achsigen LKW mit Gesteinsmulde als Aufbau ergibt sich aus der Notwendigkeit, tragfeste Rampen zur Errichtung von Ersatzbrücken aufschütten zu müssen. Bei hochwasserführenden Gewässern ist Schüttmaterial in entsprechenden Mengen erforderlich. Mit den Kippern des Österreichischen Bundesheeres können solche Mengen aufgrund der Tonnagenbegrenzung und fehlender technischer Parameter (geringe Bordwandhöhe, kleine Ladefläche) nicht effizient transportiert werden.

Wasserfahrzeuge

Der Beweglichkeit auf größeren Gewässern kommt aufgrund der zunehmenden Hochwassergefahr eine große Bedeutung zu. Die 50 Jahre alten Schubboote M3D gehören ersetzt. Das Problem könnte durch die Ausstattung der Pioniere mit Amphibienfahrzeugen als Ersatz für die derzeitige Alu-Fährengeneration gelöst werden.

Die Eisstaubekämpfung, welche in den vergangenen Jahren immer wichtiger wurde, kann mit der derzeitigen Ausstattung der Pioniere nicht wahrgenommen werden. Die meisten der vorhandenen Wasserfahrzeuge sind aufgrund ihrer Bauweise und Konstruktion nicht in der Lage, größere Eisschichten zu brechen.

Die Pionierboote müssen vorrangig ersetzt werden, da ihre Altersgrenze erreicht wurde. Alle neuen Boote sollten die gleiche Bauart und Größe aufweisen; in jedem Fall wäre eine stärkere Motorisierung der Pionierboote vorzusehen.

Faltstraßengerät

Das Faltstraßengerät ist die notwendige und logische Ergänzung zur "Pionierbrücke 2000", wobei zwei Einheiten pro Pionierbrücke zu beschaffen wären. Eine Einheit Faltstraßengerät besteht aus einem Verlegefahrzeug und ca. 50 Laufmetern Faltstraße, die eine rasche Errichtung von ausreichend standfesten An- und Abfahrten zu Brücken ermöglichen. Im Rahmen eines AssE/KatE ist auch ihre Nutzbarkeit als Arbeitsplattform auf Böden mit geringer Tragfähigkeit von Bedeutung.

"Pionierbrücke 2000"

Für die "Pionierbrücke 2000" (je Pionierbataillon sind zwei Systeme vorhanden) wurde bereits mehrfach die Anschaffung von Fußgängerstegen mit Geländer angeregt. Die Adaptierung wäre für den zivilen Betrieb unerlässlich und könnte durch den Hersteller jederzeit sichergestellt werden.

Rammgerät

Die derzeit vorhandene Dieselramme ist gesperrt. Bisherige Erfahrungen lassen jedoch die Beschaffung eines selbstfahrenden Rammgerätes zum Schlagen von Betonpiloten und Spundwänden (mit Nuten ineinander verzahnte Stahlbleche zur Abdichtung von Aushubstellen vor Wassereintritten) für Landanschlüsse sowie Brückenunterstützungen sinnvoll erscheinen. Zu fordern wären zumindest ein Rammgerät geringerer Größe sowie ein hydraulisches Anbausystem für schwere Pioniermaschinen.

Pioniermaschinen

Jeder Maschineneinsatz spart Personal, das anderweitig besser eingesetzt werden kann. Die Modernisierung der im Österreichischen Bundesheer eingeführten schweren Pioniermaschinen, deren Durchschnittsalter bereits 15 Jahre beträgt, steht an.

Am Maschinensektor muss eine gewisse Bandbreite an Geräten verfügbar sein, um den gestellten Anforderungen gerecht werden zu können. So ist die Aushubleistung nicht immer ausschlaggebend, oft sind andere Parameter, wie etwa geringere Größen, niedrige Tonnagen oder mehr Beweglichkeit gefragt. Zur Ergänzung der Ausstattung wird die Neubeschaffung folgender Geräte vorgeschlagen:

- Drehkranzbagger/Rad mit Zusatzgerät (Hydro-Hammer, Zange, Greifer); - Minibagger bis 7,5 Tonnen; - Forsttraktor mit Seilwinde.

Folgende weitere Geräte wären zur Hebung der Autarkie der Pionierbataillone bei Katastropheneinsätzen wünschenswert:

- Gräder (Straßenbaugerät mit Planierschild); - Walze bzw. Verdichtungsgerät; - Wandersäge auf Anhänger.

Kleingerät

Um als Bataillon selbstständig arbeiten zu können, wird als Erweiterung der Geräteausstattung (Stück bzw. Sätze) vorgeschlagen:

- Stromaggregate 10 KVA (230/400 Volt) und erweiterte Elektrogerätesätze; - Magnetbohrmaschine; - Schweißgerät; - Druckluftkompressor und Werkzeug; - Gesteinsbohrgerät, Betonbohrgerät; - Bautauchpumpen, Schlammpumpen mit großer Kapazität; - GPS-Vermessungsgerät mit EDV-gestützter Weiterverarbeitung; - Verankerungsmittel auf dem Stand der neuesten Technik; - Digitalkamera und Notebook zur EDV-gestützten Umsetzung von Erkundungen; - ständig verfügbare Mobiltelefone.

Die stets steigenden Sicherheitsstandards, nicht zuletzt aber auch die Verantwortung gegenüber den eingesetzten Soldaten, erfordern entsprechende Maßnahmen seitens der militärischen Einsatzleitung in Katastrophenfällen.

Angeregt wird die Beistellung von:

- modernem Absturzsicherungsgerät; - Gerüstsystemen aus Aluminium; - robustem Absperrmaterial.

Mannesausrüstung

Die Mannesausrüstung wird laufend verbessert. Lücken bei der Schutzausrüstung werden - zumindest bei den Villacher Pionieren - durch das zur Verfügung gestellte Katastrophengerät der Kärntner Landesregierung geschlossen. Unbestritten ist jedoch, dass bei der Sicherheit nicht gespart werden darf. Schnittschutzausrüstung, Sicherheitsschuhe, Bekleidungsmodule etc. sollten stets den letzten Stand der Technik aufweisen. Wie wichtig weithin leuchtende Warnwesten sind, wurde bei den letzten Waldbrandeinsätzen eindrucksvoll bewiesen: "gut getarnte Soldaten im Feldanzug RAL 75" kamen in gefährliche Situationen, weil sie von den Piloten der Löschhubschrauber kaum gesehen wurden.

Zusammenfassung

Die Pioniere müssen befähigt werden, technische Aufträge wie Wegebauten, Hangsicherungen, Brückenbauten und dergleichen selbstständig und ohne Mitwirkung ziviler Baufirmen oder Maschinen erfüllen zu können.

Man soll und darf sich nicht der Technik verschließen. Auch wenn der Einsatz der Pioniere rundum stets sehr positiv aufgenommen wird, vernimmt man doch aufgrund der teilweise veralteten Geräteausstattung mitunter Zweifel an deren Effizienz: "Die arbeiten ja wie im Mittelalter!" Der Hochwassereinsatz im August 2002 hat zwar die Leistungsfähigkeit der Pioniere bewiesen, jedoch schonungslos alle Schwachstellen der Geräteausstattung aufgezeigt.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberstleutnant Hansjörg Scherleitner, Jahrgang 1959. Ausmusterung 1981 als Pionieroffizier zum Landwehrstammregiment 73 nach Villach. 1993 Versetzung zum Pionierbataillon 1. Nach langjähriger Verwendung als Kommandant einer Pionierkompanie seit 1999 stellvertretender Bataillonskommandant und S 3.

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