Österreichs Bundesheer

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Über alle Barrieren hinweg

Die Internationalisierungin der Sprachenausbildung

Die militärische Sprachausbildung muss sich permanent an die sich ändernden politischen Gegebenheiten anpassen. Englisch alleine genügt nicht mehr - eine zweite Fremdsprache zu lernen, am besten die eines Nachbarstaates, ist das langfristige Ziel.

Das Auseinanderbrechen der alten Regierungssysteme, vor allem in den Mittel- und Osteuropäischen Staaten, hat ein Überdenken der österreichischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik notwendig gemacht. Das Bedrohungsbild und eine daraus resultierende Doktrin waren neu zu definieren. Eine Folge davon war das Motto "Bundesheer goes international" - ein Leitsatz, der keine leere Phrase blieb: Das Österreichische Bundesheer änderte seine Politik des internationalen Engagements. Die Beteiligung an lang andauernden Missionen wurde personell drastisch reduziert oder überhaupt eingestellt. Hingegen wurde die Teilnahme an kürzeren inter- bzw. multinationalen Einsätzen und Übungen intensiviert.

Diese Haltungsänderung hat grundlegende Auswirkungen auf die Vorbereitung des zu entsendenden Personals in der jeweiligen Fremdsprache. Es bedarf der Erstellung entsprechender Konzepte zur Neuorientierung in der militärischen Fremdsprachenausbildung.

Im folgenden Beitrag werden einige Überlegungen dargelegt, die angestellt wurden, um dem Umstand der Neuorientierung längerfristig Rechnung zu tragen und den Anforderungen Genüge zu tun.

Englisch

Im Zeichen der Globalisierung und Internationalisierung tritt die englische Sprache immer stärker in den Vordergrund, wohingegen Deutsch und Französisch (ausgenommen bei EU und NATO) rückläufige Tendenzen zeigen. Englisch ist die Sprache, in der die meisten Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in aller Welt veröffentlicht werden. Darüber hinaus sprechen und schreiben beinahe alle in den Bereichen des Flugwesens, der Seefahrt, der Diplomatie sowie vieler internationaler Organisationen Englisch, ebenso in den neuen Medien, wie etwa im Internet.

Englisch als globale Sprache - als lingua franca (Verkehrssprache eines großen, verschiedene Länder mit unterschiedlichen Sprachen umfassenden Raumes, Anm.) - ist Realität. Englisch sollte daher heute kein besonderes Qualifikationsmerkmal mehr darstellen, sondern Standardvoraussetzung sein. Erst die zweite (im Idealfall eine dritte) Sprache ist bzw. wird für eine entsprechende Verwendbarkeit von Personen in einer internationalen Kooperation von Bedeutung sein. Für den Einsatz einer Fremdsprache als gemeinsame Arbeitssprache ist es daher nicht unbedingt erforderlich, eine umfangreiche interkulturelle Kompetenz zu vermitteln, weshalb eine Konzentration auf die reinen Sprachfertigkeiten als ausreichend angesehen werden kann. Englisch sollte daher nicht zu einer Leitsprache hochstilisiert werden, sondern eine Hilfssprache sein, um die internationale Verständigung zu erleichtern.

Aufgrund des österreichischen Bildungssystems (grundsätzlich acht Jahre Englisch im Bereich der Allgemeinbildenden Höheren Schulen) und des internen militärischen Sprachausbildungsangebots, ist das Niveau im Österreichischen Bundesheer auf einem Stand, der es zulässt bzw. sogar erforderlich macht, Überlegungen für eine Weiterbildung in anderen Sprachen anzustellen. Insbesondere aufgrund des internationalen Engagements des Bundesheeres ist dies ein Gebot der Stunde.

Französisch

Die Rolle des Französischen sollte - zumindest in Europa - nicht unterschätzt werden. Die bereits erwähnte rückläufige Tendenz stellt jedoch keinen Widerspruch zum Nachfolgenden dar. Von den unteren und mittleren Beamten in der EU-Verwaltung wird das Französische häufiger als das Englische verwendet. Erst wenn die Kommunikation über den EU-Bereich hinausgeht, erfolgt ein eindeutiger Wechsel vom Französischen zum Englischen. Die Praxis zeigt daher - trotz aller offiziell proklamierter Mehrsprachigkeit - eine überwiegende Orientierung auf die Arbeitssprachen Englisch und Französisch.

Im Hinblick auf die EU-Präsidentschaft Österreichs 2006/07 gab das Sprachinstitut des Bundesheeres (SIB) gegenüber dem Generalstab eine Empfehlung dafür ab, wie die zukünftige Vorgangsweise aussehen könnte, um eine Verbesserung der internationalen Kommunikationsfähigkeit zu erreichen. Demnach sollte, unter Federführung des Sprachinstituts, die Ausbildung derart geplant, koordiniert und durchgeführt werden, dass im Jahr 2005 ein noch näher zu bestimmender Personenkreis die Leistungsstufe "B" (entspricht etwa der Leistungsstufe 2 nach STANAG 6001 mit der Beschreibung fair [limited working]) erreicht. Dies gilt ebenso für die Mitarbeit in NATO-Belangen, wo Österreich sich vor allem im Bereich der Partnerschaft für den Frieden (PfF) und dort wiederum im Partnership Work Programme (PWP) einbringt und in diesem Zusammenhang mit vielen Institutionen und Sub-Organisationselementen zusammenarbeitet.

Das SIB setzte sich in einer Stellungnahme auch vehement dafür ein, dass dem vermehrten Bedarf an einer Französischausbildung für die Angehörigen der österreichischen Militärmission in Brüssel (MVB) umgehend Rechnung zu tragen sei. Die Installierung eines "French Language Assistant" erscheint dabei als die effizienteste und erfolgversprechendste Lösung, weil diese Person als fremdsprachliche Fachkraft vor Ort helfen könnte, entsprechende Probleme und Bedürfnisse rasch zu lösen.

Russisch

Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, dem Auseinanderbrechen des Warschauer Paktes und der Auflösung der Sowjetunion verlor die russische Sprache als gemeinsames Kommunikationsmittel stark an Einfluss. Darüber hinaus wird diese Sprache in vielen Ländern Ost- und Südosteuropas massiv abgelehnt, vor allem aus emotionalen Gründen. Dennoch darf die neue politische Lage nicht ignoriert werden: Die direkte Einflusssphäre Russlands hat sich zwar verstärkt in Richtung Osten verlagert, man hat aber in Europa sehr wohl erkannt, dass es fatal wäre, dieses Land politisch zu isolieren. Sowohl wirtschaftlich als auch militärisch verfügt Russland noch immer über ein ungeheures Potenzial, welches in instabilen Zeiten ungeahnte Risiken birgt. Eine funktionierende Kommunikation zwischen zwei Machtblöcken wie Europa und Russland (bzw. allen jenen Ländern, in denen Russisch zumindest weit verbreitet oder noch immer Amtssprache ist) hat daher weiterhin größte Bedeutung, weil Russisch als Träger dieser Kommunikation nach wie vor eine zentrale Rolle spielt.

Italienisch

Italienisch nimmt eine gewisse Sonderstellung ein: Durch das vitale Interesse an einer friedlichen Balkan-Region engagiert sich Italien in diesem Raum in einem weit stärkeren Maße als bei anderen Krisenherden der Welt. Ähnliche Interessen verfolgt auch Österreich, das sich an der Befriedung des Balkans ebenfalls aktiv beteiligt und dort (allerdings nicht ausschließlich) mit Italien eng kooperiert. Auch wenn Englisch die allgemeine und gemeinsame Arbeitssprache darstellt, ist es nicht unerheblich, die Sprache eines Nachbarn und (strategischen) Partners zu forcieren.

Andere Sprachen

In Europa

Aufgrund der einzigartigen geopolitischen Lage Österreichs im Zentrum Europas muss es ein nationales Anliegen sein, die grenzüberschreitende Verständigung auf bilateraler Ebene beizubehalten. Das Erlernen der Sprache der Nachbarstaaten ist dabei als eine Selbstverständlichkeit anzusehen. Die wechselseitige Verständigung bedeutet auch gegenseitiges Verständnis, womit ein wichtiger sicherheitspolitischer Aspekt zum Tragen kommt und ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Friedenssicherung geleistet wird. Im Gegensatz zum Erlernen einer Fremdsprache als Arbeitssprache steht hier die Vermittlung der interkulturellen Kompetenz als einer gleichbedeutenden Säule mit den anderen Ausbildungsinhalten in einer Reihe.

Eine große Zahl von bilateralen Kontakten und Partnerschaften wurde bereits initiiert, von denen einige, die bereits über Jahre andauern, mit Recht als traditionell bezeichnet werden können. Dies vor allem deshalb, weil dabei an historische Wurzeln und Gemeinsamkeiten angeknüpft werden konnte.

Bei nahezu allen diesen Beziehungen mit den Nachbarländern Österreichs ist aber auffällig, dass die Vertreter der jeweiligen ausländischen Streitkräfte eher in der deutschen Sprache kommunizieren können, als dies umgekehrt der Fall ist. Allerdings ist in jenen Staaten, die bereits NATO-Mitgliedsländer sind, noch ein anderer Trend bemerkbar: Durch das Bekenntnis zum NATO-Bündnis und der Neuorientierung in Richtung Brüssel ist Österreich nicht mehr erste Anlaufstelle, womit das Bedürfnis, neben Englisch auch Deutsch zu lernen, allmählich geringer wird. Bei bilateralen Beziehungen mit Nachbarn in Zukunft ausschließlich Englisch verwenden zu müssen, mutet jedoch grotesk an. Gerade solche Partnerschaften wären bestens geeignet, Angehörige des betreffenden Verbandes in diesen Nachbarsprachen ausbilden zu lassen.

Sich - bildlich gesprochen - zurückzulehnen und zu warten, bis unser Gegenüber das Gespräch in Deutsch (oder Englisch) beginnt, statt selbst Ungarisch, Slowenisch oder Slowakisch zu erlernen, zeigt nicht nur Unverständnis, sondern auch einen gewissen Grad von Bildungsarmut. Gerade, weil die Entfernungen in Zentraleuropa so gering sind, wären die bilateralen Beziehungen auch in sprachlicher Hinsicht in einem höheren Maß als bisher zu fördern.

International

Auf ein Konzept betreffend das internationale Engagement des Bundesheeres wäre mit einer entsprechenden und vorgestaffelten sprachlichen Ausbildung zu reagieren. Räume, die für Österreich und seine Sicherheitspolitik von Bedeutung wären, sind u. a. der Nahe Osten, Süd- und Südosteuropa, aber auch partiell Regionen des Fernen Ostens. Sprachlich gesehen könnte man mit solchen, in unserem Umfeld selten gesprochenen Sprachen, international "punkten". Albanisch oder Mazedonisch einerseits oder Arabisch, Chinesisch oder Japanisch andererseits sind so gut wie überhaupt nicht präsent. Auch diesem Mangel könnte mit einer gezielten individuellen Sprachausbildung begegnet werden.

Deutsch als Fremdsprache

Durch die Aufnahme neuer Länder in die NATO ist das Interesse dieser neuen Mitgliedsstaaten an einer Schulung in der deutschen Sprache nicht mehr ganz so groß wie bisher, deshalb werden diese Kurse nicht mehr als "Entwicklungshilfe" angesehen bzw. "verkauft", sondern sie werden als Vorbereitung für weiterführende militärische Kurse angeboten. Überdies sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass es auch andere ausländische Militärangehörige gibt, die ein unmittelbares Interesse an der deutschen Sprache haben, so z. B. jene, die an Stellen tätig sind, wo die Kenntnis der deutschen Sprache von Vorteil ist oder jene, die mit Österreich kooperieren (militärdiplomatischer Dienst, Auslandsbeziehungen etc.). Des Weiteren kann es nur recht und billig sein, dass, wenn das Österreichische Bundesheer seine Angehörigen zur Sprachvervollkommnung zu Kursen und Seminaren ins Ausland entsendet, im Gegenzug auch eine Deutschausbildung beim Bundesheer angeboten wird.

Ausbildungsdurchführung

Obwohl im österreichischen Schulsystem Englisch schon sehr früh ein obligatorischer Unterrichtsgegenstand ist, sind die Kenntnisse im internationalen Vergleich ("Pisa-Studie") für diesen Aufwand trotzdem als eher karg zu bezeichnen. Eine positive Trendwende ist im Unteroffiziersbereich durch die verpflichtende Einführung von Englischkursen im Rahmen des Stabsunteroffizierslehrganges zu erkennen. Im Offiziersausbildungsbereich hingegen, wo die Anwärter im Allgemeinen auf acht Jahre Englischunterricht zurückblicken können, ist es schlichtweg eine Unterforderung und kontraproduktiv, die Leistungsstufe "B" (entspricht etwa der Leistungsstufe 2 nach STANAG 6001 mit der Beschreibung fair [limited working]) als Ausbildungsziel nach Absolvierung der Militärakademie zu verlangen. Die internationale Forderung nach der Stufe 3 (good [minimum professional]) in allen vier Fertigkeiten (schriftlicher und mündlicher Gebrauch sowie Hören und Lesen) wird als unbedingte und absolute Mindestvoraussetzung definiert (gemäß Partnership goals der NATO).

Für die Vermittlung arbeitsplatzbezogener Fremdsprachenkenntnisse bedarf es der Berücksichtigung zweier grundlegender Kriterien:

- Eine vorausschauende Personalplanung und Personalentwicklung ist die Basis für eine qualifizierte und professionelle Ausbildung (nicht nur in der Fremdsprache), um den Bediensteten für eine vorgesehene Verwendung im Inland oder Ausland "fit" zu machen.

- Die Sicherstellung der dienstlichen Abkömmlichkeit. Eine umfassende Fremdsprachenausbildung ist vom lernpädagogischen Standpunkt aus am effizientesten, wenn sie in kompakter ("geblockter") Form, und nicht - wie dies in überwiegendem Maße geschieht - in "begleitender" Form im Rahmen des täglichen Dienstbetriebes durchgeführt wird. Damit verbunden ist aber eine Bewusstseinsänderung von Seiten der Vorgesetzten erforderlich, nämlich die, dass sich die Arbeitsplatzinhaber ihre notwendigen Sprachkenntnisse in einer Zeit erwerben können, in der sie keinen anderen Dienstverpflichtungen nachzugehen haben. Im internationalen Vergleich werden hiefür, je nach Vorkenntnissen, 3 bis 18 Monate vorgesehen. Sechs-Wochen-Kurse bilden hier eher die Ausnahme.

Zahlreiche Beispiele einer kompakten Sprachausbildung in verschiedenen Armeen zeigen, welche Erfolge damit erzielt werden können. Kompetentes Fachwissen wird in sprachlich korrekter Weise vermittelt, wodurch nicht nur ein sichereres Auftreten erzielt wird, sondern die persönliche Anerkennung steigt. Beides, militärisch fundiertes Wissen und die nötigen Fertigkeiten in der Fremdsprache, bedingen einander. Fehlt eines der beiden Kriterien, gibt es ein Kommunikationsproblem und die "message" erreicht den Adressaten nicht oder nur ungenau.

Eine weitere Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausbildung in einer Fremdsprache ist die Gestellung von dafür geeigneten Spezialisten. Als solche gelten Linguisten mit Studium und einer entsprechenden militärischen (Aus-) Bildung. Auch hiefür müssen die Ansätze, wie solches Fachpersonal rekrutiert werden kann, konsequent weiter verfolgt werden.

Erst das Vorhandensein beider Ausbildungszweige, sowohl ders sprachlichen als auch des militärischen, bieten die Chance für eine Professionalisierung im militärischen Sprachausbildungsbereich.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberst dhmfD Mag. Dr. phil. Josef Ernst, Jahrgang 1955. 1978 Ausmusterung zum Offizier der Panzertruppe. 1978 bis 1983 verschiedene Verwendungen in Freistadt, Hörsching und Wiener Neustadt. 1983 bis 1993 Kompaniekommandant, Kraftfahr- und Hauptlehroffizier an der Heereskraftfahrschule in Baden. Seit 1992 am Sprachinstitut des Bundesheeres an der Landesverteidigungsakademie. 1992 bis 1995 Diplomstudium der Bohemistik und Pädagogik, 2001 bis 2002 Doktoratsstudium. Verwendungen am Sprachinstitut als Hauptlehroffizier und Referatsleiter (Tschechisch) sowie als Hauptreferatsleiter (Slawische Sprachen). Seit 2001 Leiter des Fachbereichs Zentrale Aufgaben und stellvertretender Institutsleiter. Mehrere Friedenseinsätze im Ausland im Rahmen der Vereinten Nationen (Zypern, Syrien, Israel und Libanon).

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