Österreichs Bundesheer

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Die slowenischen Fliegerkräfte und der NATO-Beitritt 2004

Im Zuge des NATO-Beitrittes erwarten die slowenischen Fliegerkräfte eine Verbesserung ihrer Infrastruktur sowie die Modernisierung und Vergrößerung ihres Luftfahrzeugbestandes, um den NATO-Standards besser zu entsprechen.

Slowenien ist eines der jüngsten NATO-Mitglieder. Am 22. November 2002 wurde die frühere jugoslawische Teilrepublik zum NATO-Beitritt eingeladen - gemeinsam mit den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten Rumänien, Bulgarien, Slowakische Republik, Estland, Lettland und Litauen. Am 1. April 2004 traten diese sieben Länder, die zuvor schon der NATO-Partnerschaft für den Frieden (PfF) angehört hatten, der NATO als Vollmitglieder bei.

Nach der Einladung zum NATO-Beitritt sprach sich eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung für die NATO-Mitgliedschaft aus. In den folgenden Monaten änderten jedoch die Slowenen ihre Meinung und der Anteil der Befürworter der NATO-Mitgliedschaft sank zwischenzeitlich sogar unter 50 Prozent. Derzeit befürworten rund zwei Drittel der Bevölkerung den NATO-Beitritt.

Dieser hat erhebliche Auswirkungen auf die slowenischen Fliegerkräfte, vor allem auf deren derzeitige Struktur. Die Fliegerkräfte werden versuchen, sich innerhalb der NATO eine gewisse Selbstständigkeit anzueignen, und ihre Angehörigen werden sich mit neuen Denkweisen vertraut machen müssen.

Bisher waren die slowenischen Fliegerkräfte eine eigene Teilstreitkraft. Am 9. Juni wurde bekannt gegeben, dass sie in Zukunft Teil des Heeres sein werden.

Ein kleines Land

Das kleine Slowenien im südöstlichen Mitteleuropa (20 253 km2, ca. 2 Millionen Einwohner) erlangte - als vormalige Teilrepublik Jugoslawiens - 1991 die Unabhängigkeit. Slowenien grenzt im Süden und Osten an Kroatien, ebenfalls eine frühere Teilrepublik Jugoslawiens. Seine anderen Nachbarn sind Österreich sowie die NATO-Mitglieder Ungarn und Italien. Der Großteil der Bevölkerung des relativ modernen Landes lebt von der Landwirtschaft sowie vom Tourismus und seinen Erholungsgebieten. Die geografische Lage macht das Land zu einem nützlichen Partner in der NATO: Slowenien kann z. B., wie bei den Schwierigkeiten in Bosnien-Herzegowina, Gastland (Host Nation) für einen vorsorglich errichteten Stützpunkt ausländischer Luftstreitkräfte (Air Base) sein.

Die Größe und die Ausrüstung der Fliegerkräfte entsprechen der Größe des Landes. Mit nur 35 Luftfahrzeugen sind sie relativ bescheiden und für die Zukunft möglicherweise zu gering dimensioniert. Die Planungen lassen aber auf eine größere Anzahl und zusätzliche Typen von Luftfahrzeugen hoffen.

Stützpunkte der Fliegerkräfte

Der fliegende Verband, die aus zwei Staffeln bestehende 15. Brigade, ist auf zwei Flugplätze verteilt. Einer davon, der Internationale Flughafen Ljubljana-Brnik, liegt nahe der Hauptstadt Ljubljana. Der andere Flugplatz befindet sich nahe der kroatischen Grenze bei Cerklje. Die 15. Brigade wird heuer aufgelöst und in zwei Bataillone umgewandelt. Ein Bataillon wird alle Flugzeuge beinhalten, das andere die Hubschrauber.

Von Ljubljana-Brnik aus operieren derzeit Flugzeuge und Hubschrauber. Hier ist u. a. das einzige Transportflugzeug Let L-410UVP-E der slowenischen Fliegerkräfte stationiert, ebenso acht Transporthubschrauber AB.412, die mit je zwei 12,7-mm-üsMG und Raketenwerfern bewaffnet werden können, sowie zwei Transportflugzeuge Pilatus PC-6B, welche vorrangig zum Absetzen von Fallschirmspringern verwendet werden. Außerdem erfolgt hier die Materialerhaltung (Werftbetrieb; Anm.) für die Pilatus PC-9, das Schulflugzeug Zlin Z-242, die Verbindungshubschrauber Bell 206 und andere Typen.

Die meisten Luftfahrzeuge sind aber auf dem Flugplatz von Cerklje nahe der kroatischen Grenze stationiert. Dort erfolgen auch die fliegerische Grundausbildung und die Navigationsausbildung auf zwei Pilatus PC-9 (1995 wurden drei gebrauchte PC-9 von Amerika an Slowenien übergeben, eine davon ging Anfang März dieses Jahres durch Absturz verloren) und den neun neuen Pilatus PC-9M "Hudournik". In Cerklje befinden sich auch die Schulflugzeuge Zlin Z-143L und Zlin Z-242 sowie mehrere Verbindungshubschrauber Bell 206.

Auf beiden Flugplätzen findet intensiver Flugbetrieb statt und alle Militärpiloten absolvieren eine ausreichende Anzahl von Flugstunden, um den NATO-Standards zu entsprechen. Darauf wird auch in Zukunft genau geachtet werden. Die Infrastruktur beider Flugplätze ist - in Anbetracht der jüngsten Vergangenheit des Landes - sehr modern. Dennoch wird zu den ersten Veränderungen nach dem NATO-Beitritt eine weitere Modernisierung der Infrastruktur im Bereich der Fliegerkräfte zählen, um den bereits erwähnten NATO-Standards noch besser zu entsprechen.

Die slowenischen Militärluftfahrzeuge werden in Zukunft auch neue Aufgaben zu bewältigen haben. Daher wurden bereits 2001 vier neue Transporthubschrauber AS.532 "Cougar" angekauft, die 2003 übernommen wurden. Die slowenischen Lufttransportkapazitäten bedürfen generell einer Ergänzung. Als mögliche neue Transportmaschinen sind die CASA C-295-300 und die C-27J "Spartan" im Gespräch. Sie sollen die Nachfolger der Let L-410UVP-E werden, die derzeit das einzige größere Transportflugzeug der Fliegerkräfte ist.

Es gibt auch bereits eine Grundsatzentscheidung, etwa ab 2010 zwölf Kampfhubschrauber zu beschaffen. Die Typenentscheidung ist aber noch offen.

Slowenien und die NATO

Die tragischen Ereignisse vom 11. September 2001 in den USA haben die Welt dramatisch verändert, so auch den Alltag in Slowenien. Der Krieg gegen den Terrorismus ist nicht mehr der "gewöhnliche" Konflikt, als der er in der Vergangenheit angesehen und eingestuft wurde. Er wurde statt dessen zu einem Kampf gegen Extremistengruppen, die sich außerhalb der staatlichen Ordnung und Kontrolle bewegen. Er wurde aber auch zu einem Kampf gegen jene Regime, die diesen Terroristen Zuflucht gewähren. Slowenien ist grundsätzlich davon überzeugt, dass im Kampf gegen den Terrorismus internationale Solidarität erforderlich ist, und setzt dies auch entsprechend in die Praxis um. Denn der Terror bedroht Grundwerte wie Frieden, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Für das Land und seine Fliegerkräfte ist dies ebenfalls eine Herausforderung und der NATO-Beitritt wird - nach allgemeiner Ansicht - zum Schutz dieser Werte beitragen.

Dabei sind die beiden wichtigsten Säulen für Slowenien die Europäische Union (EU) und die NATO, beides bedeutende und eng mit diesen Werten verbundene multinationale Organisationen. Vor allem kleine Staaten wie Slowenien finden innerhalb solcher Organisationen günstige Bedingungen für ihre kulturelle, wirtschaftliche und politische Entwicklung vor.

Deshalb trat das Land auch beiden Organisationen bei. Die EU wird bald Aufgaben des Krisenmanagements erfüllen können, und dazu wird auch Slowenien etwas beitragen. Die einzige Organisation, die eine kollektive Verteidigung sicherstellen kann, ist hingegen die Nordatlantische Allianz. Die NATO-Mitgliedschaft bindet Slowenien in deren kollektive Verteidigung ein und beeinflusst gleichzeitig die innere Stabilität und die Erhaltung des demokratischen Systems positiv. Durch den NATO-Beitritt kann Slowenien mehr zur Sicherheit und Stabilität Europas beitragen als nur im Rahmen der NATO-Partnerschaft für den Frieden. Denn die NATO ist heute ein modernes, demokratisches Verteidigungsbündnis und verfügt über die wirksamsten Schutzmaßnahmen gegen atomare, biologische, chemische und andere Kampfmittel bzw. gegen Massenvernichtungswaffen von Terroristen. Vor allem aber beruht die NATO auf der Solidarität ihrer Mitgliedsstaaten. Mit dem NATO-Beitritt wird es Slowenien möglich sein, zu den wirtschaftlich, politisch und militärisch hochentwickelten Ländern aufzuschließen. Dies wird auch für die slowenischen Fliegerkräfte positive Folgen haben.

Wie bereits erwähnt, macht die geografische und strategische Lage das Land zum Tor nach Südosteuropa. Slowenien kann gleichsam als Mittler der transatlantischen Politik in der Region auftreten und ermöglicht der NATO damit eine genauere Beurteilung und einen besseren Überblick über die Länder in diesem Raum. Slowenien war und ist mit den Kulturen, der ethnischen Vielfalt und den Problemen Mittel- und Südosteuropas eng vertraut. Die slowenischen Streitkräfte bringen aber auch nützliche militärische Spezialfähigkeiten ein, z. B. für den Einsatz im alpinen Gelände. Schon vor dem NATO-Beitritt zählten Rettungs- und Bergeeinsätze aus der Luft im Gebirge zu den Hauptaufgaben der slowenischen Fliegerkräfte. So standen und stehen in jeder Urlaubssaison zur Bergung von Touristen aus Notsituationen rund um die Uhr Transporthubschrauber AB.412 zur Verfügung, und alle Piloten verfügen über ausgezeichnete Kenntnisse sowie Flugerfahrungen im alpinen Bereich.

Die NATO-Mitgliedschaft bringt allerdings nicht nur Vorteile mit sich, sondern auch Verpflichtungen. (Das Land leistet z. B. ebenso wie die anderen NATO-Mitglieder Zahlungen an die NATO; Anm.) Weitere umfassende Reformen der Fliegerkräfte sind notwendig, um die - bisher auf Reservekräften basierenden - Fliegerkräfte zu kleinen, modernen, flexiblen und hochprofessionell agierenden Luftstreitkräften umzugestalten, die auch in Zukunft ihre Pflichten erfüllen können.

Modernisierung am Beispiel der PC-9M

Insgesamt beschaffte Slowenien 12 Pilatus PC-9, drei gebrauchte Schulflugzeuge Pilatus PC-9 aus den Vereinigten Staaten (1995) und neun fabriksneue Pilatus PC-9M aus der Schweiz (ab 1998). Die israelische Firma Radom Aviation Systems Ltd. führte an diesen neun neuen Pilatus PC-9M ein umfassendes Upgrade der Avionik durch. Dieses Upgrade umfasst ein modernes Avionik- und Navigationssystem, das neueste Head-Up- Display (Projektion einiger Instrumentenanzeigen in das Frontsichtfeld des Piloten), einen Einsatzcomputer und Store-Management-Systeme (Beladungs- bzw. Lastmanagement). Darüber hinaus verfügen die PC-9M nun über Chaff und Flare Dispenser (Radar- und Infrarottäuschkörperausstoßsysteme) sowie über sechs Unterflügelstationen für Außenlasten (12,7-mm-üsMG-Pods, Raketenwerfer LAU-7A für sieben ungelenkte Raketen, Bomben). Damit sind die PC-9M auch zur Erdkampfunterstützung fähig. Entwicklung und Upgrade inkludierten auch die notwendigen Analysen sowie die erforderlichen Boden- und Flugtests. Die so modernisierten Schulflugzeuge Pilatus PC-9M tragen in Slowenien die Bezeichnung "Hudournik" (engl. "Swift" = "Mauersegler", eine Vogelart). Der Öffentlichkeit wurden sie erstmals auf der Luftfahrtausstellung 1999 in Paris vorgestellt. Gegenwärtig verfügen die Fliegerkräfte über neun PC-9M "Hudournik", die zur vollsten Zufriedenheit der Piloten im Einsatz stehen. Natürlich hofften die slowenischen Militärpiloten auf positive Effekte des NATO-Beitrittes, zum Beispiel auf die Beschaffung von Kampfflugzeugen wie etwa der F-16C/D, von der slowenischen Regierung wurden solche Überlegungen aber in diesem Jahr ad acta gelegt.

Aufgaben in Friedenszeiten

Der Luftraum des Landes wird derzeit durch NATO-Abfangjäger (italienische F-16) von Cervia (Italien) aus überwacht. Diese patrouillieren dabei selbstverständlich auch über slowenischem Staatsgebiet.

In Friedenszeiten haben die Fliegerkräfte folgende allgemeine Aufgaben zu erfüllen:

- Sicherstellung der Einsatzbereitschaft rund um die Uhr; - Sicherstellung der Aufgaben im Rahmen der Landesverteidigung und der Überwachung der Grenzen; - Wahrnehmung von militärischen Transportaufgaben allgemeiner Art sowie der Transport von besonderen Passagieren für das Verteidigungsministerium; - Durchführung von Rettungs- und Bergeeinsätzen, von Evakuierungseinsätzen aus dem Einsatzraum sowie von zivilen Transportaufgaben; - Einsatz von Hubschraubern in den Alpen zur Rettung/Bergung von in Not geratenen Touristen, vor allem während der Urlaubssaison; - Durchführung von Upgrades an Flugzeugen und Hubschraubern (wie z. B. an der PC-9M und der AB.412); - Teilnahme an Internationalen Kooperationen wie SFOR, an Übungen im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden (PfF) und an Kooperationen zwischen militärischen Dienststellen der NATO sowie im bilateralen Bereich.

Von der SFOR erhalten die slowenischen Fliegerkräfte sehr oft Transportaufträge oder den Auftrag, besondere Passagiere zu befördern. Das sind meist VIP-Flüge von Sarajevo nach Italien, Deutschland oder Belgien (Brüssel) und wieder zurück nach Slowenien.

Durch die Partnerschaft für den Frieden (PfF) erhielten die Fliegerkräfte Möglichkeiten und Mittel zur Teilnahme an Übungen mit anderen NATO-Ländern. An den bisher jährlich stattfindenden "COOPERATIVE KEY"-Übungen im Rahmen der PfF nahmen die slowenischen Fliegerkräfte bereits mit Transporthubschraubern AB.412, mit dem Transportflugzeug Let L-410UVP-E und mit den Schulflugzeugen Pilatus PC-9M teil.

Die slowenischen Fliegerkräfte sind auch in militärische und bilaterale Kooperationen eingebunden, vor allem mit Nachbarstaaten wie Ungarn und Österreich, aber auch mit den Niederlanden. Ein niederländischer Fluglehrer unterstützte z. B. die slowenischen Militärpiloten bei deren ersten Flügen mit den PC-9. Dies war möglich, weil die Königlich Niederländischen Luftstreitkräfte über ähnliche Flugzeuge verfügen, nämlich die Pilatus PC-7.

Die Zukunft

Die Reform der slowenischen Streitkräfte geht in allen Bereichen gut voran. Einer der wichtigsten ist dabei die militärische Logistik, deren tiefgreifende Reform im Einklang mit dem NATO-Beitritt erfolgt. Das Ziel der Führung der Fliegerkräfte ist es, mit Berufsstreitkräften (die Wehrpflicht wurde in Slowenien im Herbst 2003 ausgesetzt; Anm.) einen möglichst hohen Standard im Vergleich zu anderen NATO-Mitgliedern zu erreichen. Die größte Herausforderung ist dabei die Einbindung in die logistische Struktur der NATO und die Erreichung der NATO-Standards sowie der NATO-Kompatibilität bzw. -Interoperabilität.

Die NATO-Mitgliedschaft wird deshalb zahlreiche Veränderungen und Reformen nach sich ziehen, die weit über den militärischen Bereich hinausgehen, und das nicht nur im Beitrittsjahr 2004, sondern auch danach. Sie ist allerdings für das Land und seine Bürger eine große Chance und gibt dem Land die Möglichkeit, sich einen Platz im kollektiven Verteidigungssystem der Euro-Atlantischen Allianz zu sichern.

Mit der NATO-Mitgliedschaft erreicht Slowenien jene Ziele, die es sich 1991 mit der Entscheidung für die Unabhängigkeit gesetzt hat. Die Mitgliedschaft fördert auch die Weiterentwicklung, die Lebensqualität, den Wohlstand, den Frieden und die Sicherheit. Es wird an Slowenien liegen, diese Chance zu nützen.

___________________________________ ___________________________________ Autoren: Paul Kievit (Niederlande); Jahrgang 1972. Ab 1993 Finanz- und Wirtschaftsstudium in Eindhoven und Tilburg. Studienabschluss in Moderner Verwaltung; Absolvierung mehrerer Finanz- und Wirtschaftskurse; ab 1995 im Finanz- und Wirtschaftsbereich tätig u. a. als Leiter des Finanzwesens kleinerer Firmen, Rechnungsprüfer und Kreditprüfer; seit 2002 als Finanzexperte bei FlexAccon Financial Detachments.

Carlo Kuit (Niederlande) Jahrgang 1974; ab 1995 Logistikstudium in Rotterdam; 2000 Studienabschluss (Logistik und Wirtschaft) an der Rotterdam Business School, danach in der Privatwirtschaft (Niederlande und Großbritannien) am IT-Sektor tätig; seit 2003 EDV-Berater (Einführung von Oracle-Datenbank-Anwendungen u. a. im Logistikbereich) bei Deloitte.

Beide Autoren gründeten 2001 gemeinsam die Bronco Aviation Press Association (B.A.P.A.) und arbeiten freiberuflich für weltweit führende Luftfahrtmagazine in zahlreichen Ländern.

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